Jammin Unit

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Live-Setup und Instrumente

Benjamin Weiss: Du spielst schon sehr lange und viel live. Aus was besteht dein aktuelles Set?

Jammin Unit: Seitdem sie rausgekommen ist, habe ich eine MPC. Nach der MPC 60 hatte ich fast alle. Das ist mein zentrales Arbeitswerkzeug. Und dann habe ich eine 303-Simulation von Roland Aira, diverse analoge Filter, ein Delay und einen kleinen Synth.
Den Hydrasynth verkaufe ich gerade wieder. Er hat einen super Sound, aber ich merke, dass ich zu viele Presets benutze, weil es mir zu anstrengend ist, ins Detail zu gehen. Ich meide Menüs. Und wenn ich ihn mit anderen Instrumenten zusammen benutze, ist das Ding nicht mehr zu hören. Du kannst ihn so laut machen, wie du willst, er setzt sich nicht durch. Wenn er sich durchsetzt, macht er einen tierischen Matsch. Das funktioniert für mich nicht. Eben habe ich mir den neuen Sequential Fourm geholt, genau danach habe ich gesucht. Der setzt sich durch. Ob das an der analogen Technik liegt? Sehr gut möglich.

Im Studio habe ich noch eine Orgel von Yamaha, die Reface YC. Die finde ich super, weil es mal nicht Oszillator, Cutoff und Resonance sind, sondern “Register”. Das sind Obertöne und es macht unheimlich viel Spaß und da kommt was rüber. Der Rest ist verstaut, den benutze ich nicht mehr. Was ich viel benutze, sind analoge Filter, die ich zwischen die Geräte schalte. Anstatt mit einem günstigen Mischpult-EQ arbeite ich mit analogen Filtern, das bringt mir viel mehr.

Anforderungen an Live-Geräte

Benjamin Weiss: Was ist das Wichtigste bei einem Gerät, das du auf der Bühne benutzt?

Jammin Unit: Das Wichtigste ist die Zuverlässigkeit. Die MPC ist zum Beispiel bei hoher Vibration schon mal im Pattern gesprungen. Das ist ein Desaster, wenn plötzlich etwas kommt, das du gar nicht willst. Zuverlässigkeit ist das Allerwichtigste für live.

Das Zweite ist die Zugänglichkeit. Ich will beim Live-Spielen nicht in Menüs suchen und vorsichtig sein müssen, was ich berühre. Man muss schon ein bisschen grobmotorisch sein dürfen.

Benjamin Weiss: Ist dir das Design oder das visuelle Feedback wichtig?

Jammin Unit: Das ist bei meiner Arbeit beim Mastering auch so: Regler müssen dir zeigen, wo du bist. Sie müssen direkt ihren Wert zeigen. Das ist bei Geräten mit Pattern-Recall oder Table-Recall schwierig, aber ich finde es wichtig, das zu haben. Deswegen bevorzuge ich viele analoge Sachen.

Studio-Philosophie: Kein Computer

Benjamin Weiss: Ist das Live-Spielen für dich deutlich mit der Studio-Arbeit verbunden?

Jammin Unit: Das ist eigentlich das Gleiche. Ich habe gar keinen Computer mehr in meinem Musikstudio. Ich habe einen Computer in meinem Masteringstudio, das einen Meter entfernt ist, aber im Musikstudio steht keiner. Da ist ein Kassettenrekorder zum Aufnehmen und die MPC für die Sequenzen.

Ich habe gerade ein Album gemacht, das sind alles One-Takes, manchmal zehn Minuten oder länger. Das geht dann von der Kassette in den Computer. In ganz wenigen Fällen habe ich Overdubs gemacht. Dafür benutze ich meine Fostex x15, ein 4-Kanal-Cassettenrecorder. Gekürzt und editiert habe ich natürlich am Computer; ich verfluche Computer nicht, sie nerven mich nur im Musikstudio.

Benjamin Weiss: Hast du auf der Bühne jemals Computer benutzt?

Jammin Unit: Noch nie. Ingmar (Dr Walker, mit dem Jammin Unit Air Liquide macht) hatte in der zweiten Phase unserer Zusammenarbeit oft einen dabei, aber ich nicht. Ich konzentriere mich auf Beats, Synths und die 303. Da hat man sein Rezept. Mit der MPC kannst du Updates machen oder den Style verändern. Das ist ein Grundgerüst, das ich vorbereitet habe. Ich fange nicht bei Null an. Früher habe ich Live-Sets nur mit der MPC 3000 gemacht, weil es inspirierend war, mit nur einem Gerät alles zu machen. Das hat geballert wie Sau.

Feedback zum TBD-Prototyp

Benjamin Weiss: Hast du jemals Geräte gehabt, die du selbst programmieren konntest?

Jammin Unit: Nie gemacht, nie gesucht. Wobei ich öfter gedacht habe, dass man manche Plugins eigentlich auf die Bühne mitnehmen können müsste.

Benjamin Weiss: [Zeigt den Prototyp] Was würdest du damit machen?

Jammin Unit: Erstmal meine Brille aufsetzen!
Ich würde mich fragen, was die Buchsen bedeuten. Eingänge, Ausgänge, MIDI-Interface. Ansonsten sieht das sehr übersichtlich aus.
Wenn das Gerät genug Speicher hat und theoretisch alles kann, würde ich Teile der MPC ersetzen, wenn Samples reinpassen. Vielleicht würde ich einen Synth installieren oder Effekte, die ich durchjage. Wenn die Soundqualität stimmt und genug Druck erzeugt, würde ich das im Studio und live benutzen. Als allererstes würde ich es als Effektgerät testen. Da ich immer neue Instrumente suche, würde ich auch das versuchen, per MIDI. CV-Gate brauche ich nicht, da ich keinen CV-Synth habe.
Aufnahmen damit zu machen, wäre auch interessant. Einen Looper habe ich bisher nur für akustisch-elektrische Instrumente wie Bass und Gitarre benutzt, nicht für das Studio.

Benjamin Weiss: Wie würdest du das Ganze zusammenstellen wollen?

Jammin Unit: Mit einem bedienerfreundlichen Programm, das mitgeliefert wird. Vielleicht etwas, wo man Sachen im Browser zusammenklicken kann, ein bisschen bebildert.

Haptik und Design-Check

Benjamin Weiss: Die Idee ist, dass du bis zu 16 Firmwares haben kannst. Eine Firmware ist im Prinzip ein komplett neues Gerät. [Zeigt das Interface].

Jammin Unit: Ist das die Lautstärke für den Kopfhörer? Das finde ich gut. Direct Access, damit man nicht erst in ein Menü muss. Und man kann Controller wie ein Keyboard anschließen.
Ich bin Grobmotoriker. Für mich wäre das fast schon zu eng, wenn ich mir Eurorack-Sachen ansehe, ist das hier absolut akzeptabel. Dass man 16 verschiedene Instrumente wie Sampler oder 303 als Plugins laden kann, ist cool.

Was mich abschreckt, ist, wenn es zu tief reingeht. Wenn du das Tuning suchst und eine halbe Stunde da stehst, weil du nicht weißt, wie du es findest. Das Konzept eines Microkorg ist das Gegenteil: Wenn du den verdrehst, klingt es immer gut und bleibt im musikalischen Bereich.

Benjamin Weiss: Was sagst du zum Gehäuse?

Jammin Unit: Das Stahlgehäuse finde ich gut. Es hat Abstand von der “Bierlache” auf dem Tisch. Es ist eher Enduro als Straßenfahrzeug. Aber diese spitzen Ecken gehen nicht, die sind zu krass. Die würde ich versenken.

Ein Problem: Wenn du direkt davor am Schreibtisch sitzt, sind die Knöpfe im Weg, wenn du auf das Display schauen willst. Ich würde es mir hochstellen. Ein kleiner Metallbügel hinten wäre nett, aber ich helfe mir da meistens selbst. Der Abstand der Regler ist dickefingerfreundlich, man kann drehen, ohne die anderen zu verstellen. Der Formfaktor ist gut, klein und transportabel.

Interview: Benjamin Weiss (MID)
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