--- orphan: true --- # Daria Goremykina ```{raw} html
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``` **Daria Goremykina** ist Pianistin und elektronische Musikerin aus St. Petersburg und lebt heute in Berlin. Mit fünf Jahren begann sie Klavier zu spielen, studierte am Rimski-Korsakow-Konservatorium und erwarb später Diplome an der UdK Berlin. Als klassische und elektronische Künstlerin trat sie in Konzertsälen in ganz Europa auf. Seit 2023 unterrichtet sie elektronische Musikproduktion an der Catalyst Berlin. Ihre Arbeit verbindet ihr klassisches Fundament mit Live-Elektronik, wobei sie sich auf Improvisation, Synthese und Musiktechnologie konzentriert. # **Live-Setup und Looping-Herausforderungen** **Benjamin Weiss:** Du spielst ja oft live, manchmal mit Maschinen, manchmal mit richtigen Instrumenten oder beidem. Was ist dein aktuelles Setup auf der Bühne? **Daria Goremykina:** Für mich selbst ist das meistens das Klavier, wenn eines vorhanden ist, ansonsten ein [Nord Piano](https://www.nordkeyboards.com/products/nord-piano-6/). Dazu kommen oft der [Prophet-6](https://sequential.com/modern-analog/prophet-6/) – mein Liebling – und der Prophet-10. Ich loope die Instrumente live und spiele dann eventuell Klavier darüber oder wechsle zwischen den geloopten Instrumenten. **Benjamin Weiss:** Mit was loopst du? **Daria Goremykina:** Neulich zum Beispiel mit [Loopy Pro](https://loopypro.com/), einer iPad-App. Wobei ich noch nach dem perfekten Setup suche – besonders was Synchronisation angeht. Sonst auch mit einfachen Looping-Pedalen. Ich möchte viele Noten loopen und gleichzeitig flexibel Parameter ändern können. Ich habe auch öfter mit dem [Digitone](https://www.elektron.se/product/digitone-ii) gearbeitet und darin geloopt – das hat mir die Flexibilität gegeben, Stimmen im Takt zu halten und Parameter live zu variieren. Bei Loopy Pro loope ich nur Audiospuren und lade mir dort die Eventide-Plugins rein, um den Klang variieren zu können. # **Erfahrungen mit Sequenzern: Torso und OXI** **Daria Goremykina:** Was MIDI-Looping und Sequenzer angeht: Ich war zu einem bestimmten Zeitpunkt richtig schnell mit dem [Torso T-1](https://torsoelectronics.com/pages/t-1?srsltid=AfmBOorPoosqng18JDIZ9c9Oa8gU8iNEDtEbj3R4Z3TBPC2RMuibPzJp). Aber nach einer längeren Pause musste ich wegen dieses Farbinterfaces – hellrot, dunkelrot usw. – wieder fast bei null anfangen. So extrem ist mir das bei anderen Geräten noch nie passiert. Normalerweise kommt das Muskelgedächtnis schnell zurück. **Benjamin Weiss:** Der Torso ist ja sehr reduziert, was Informationen angeht. **Daria Goremykina:** Ja. Ich mag die Features, wie den euklidischen Sequenzer oder die „Voicing Deviations“, die Melodien natürlicher klingen lassen. Aber ich weiß auch, dass ich am schnellsten bin, wenn ich Töne direkt setzen kann, wie ich sie mir vorstelle – ohne viele Zwischenschritte, zum Beispiel wie bei manchen Elektron-Sequenzern. Ich weiß, welche Töne ich hören will, wann sie kommen und wie lang sie sind. Ich möchte die Noten so schnell wie möglich setzen können, meistens ohne sie dabei hören zu müssen. Für einen Auftritt habe ich den [OXI One](https://oxiinstruments.com/oxi-one) getestet. Ich hatte die Idee, dass ich bei einem kleineren Setup auf eine extra MIDI-Tastatur verzichten könnte. Der OXI hat ein invertiertes Farbschema mit leuchtenden weißen Tasten. Am Klavier sind im Gegenteil die schwarzen Tasten präsenter – sie stechen heraus. Ich habe es nicht geschafft, mich daran zu gewöhnen. Ich mache auch am liebsten ungerade Pattern-Längen – 7, 13 oder 15 Steps, alles, was nicht klassisch 8 oder 16 ist. Schneller Zugang zu Pattern-Rotation ist für mich ein wichtiger Workflow-Aspekt. Oder auch schnelles Copy-Paste von ungeraden Patterns auf andere Pages, sodass jede Page dann zum Beispiel nur 13 Steps hat und mein 13/16-Takt nicht über zwei Pages verteilt wird. # **Die Suche nach Logik und der richtige Synth** **Benjamin Weiss:** Was ist dir bei Geräten für die Bühne wichtig? **Daria Goremykina:** Wenn man genug Platz und Budget für das Setup hat, wäre es schön, wenn nicht alles mehrfach belegt wäre. Beim Digitone muss man zwischen Synth-Tracks und MIDI-Tracks hin- und herspringen, um etwas anderes zu steuern. Da wären zwei gleiche Geräte nebeneinander manchmal besser. Wichtig ist mir die Logik im optischen Feedback – dass die gleiche Funktion über verschiedene Geräte eines Herstellers hinweg gleich aussieht und sich gleich verhält. Mein Lieblingssynth ist der Prophet-6. Er ist unglaublich simpel, aber im Vergleich zu mehreren anderen Poly-Synths einfach fett. Ich brauche Polyphonie, weil ich vom Klavier komme. Mein erster Hardware-Synth war der Prophet-08 (Rev2), aber irgendwann war sein Klang für mich zu digital. **Benjamin Weiss:** Du magst also schwere, gewichtete Tastaturen? **Daria Goremykina:** Ja. Beim Nord Piano ist das toll. Es ist einfacher zu kontrollieren, wie man spielt. Mit einer gewichteten Tastatur kann ich viel präziser arbeiten. Bei einer ungewichteten Tastatur fehlt mir diese Präzision. Ich hätte gerne mein Nord Piano mit einem Mod-Wheel, dann hätte es für mich jede MIDI-Tastatur ersetzt. # **Minimalismus gegen Feature-Overkill** **Daria Goremykina:** Viele Sequenzer sind für mich ein Overkill. Die Entwickler versuchen, Geräte für verschiedenste Arbeitsweisen zu bauen, aber für meinen Workflow brauche ich eigentlich nur einen Bruchteil davon. Ich will schnell an die Funktionen, die ich brauche – gerade und ungerade Sequenzen multiplizieren, schnell editieren, Töne um Oktaven verschieben. Manchmal wünscht man sich, man könnte winzige Details am Gerät ändern – zum Beispiel die Piano-Tastatur-Farben beim OXI invertieren. # **Feedback zum TBD-Toolkit-Prototyp** **Benjamin Weiss:** \[zeigt den TBD-Prototypen\] Was könntest du dir vorstellen, damit zu machen? **Daria Goremykina:** Mein erster Gedanke beim Farbschema der Knöpfe war die [Monomachine](https://en.wikipedia.org/wiki/Elektron_Monomachine) oder die Machinedrum. Es sieht aus wie ein kleiner Sequenzer, ein kleiner Synth oder eine Groovebox. Wenn ich die Funktionen selbst belegen könnte, würde ich vielleicht drei oder vier einstimmige Instrumente parallel haben wollen, zwischen denen man schnell wechseln kann. Navigation wie bei einem Joystick – hoch, runter, links, rechts. **Benjamin Weiss:** Es gibt vier Encoder und 16 Tasten … **Daria Goremykina:** Ich würde erwarten, dass man eine Taste pro Instrument hat, um schnell zu wechseln. Zum Beispiel meine obere Stimme, dann eine tiefere und so weiter. Oder man würde eine Firmware entwickeln, mit der ich Klavier-Samples aufnehme und diese dann auf drei bis vier Stimmen verteile. **Benjamin Weiss:** Wo würdest du den Shift-Button platzieren? **Daria Goremykina:** Links oben ist für mich unbequem – da ist er am Display besser aufgehoben. Die Encoder sollten einheitlich sein und Parameter regeln, die man gleichzeitig auf dem Screen sieht. Ich würde dort zum Beispiel Filterparameter wie Cutoff und Resonanz erwarten. Ein Master-Volume-Regler wäre als Sicherheitsaspekt gut. Bei einigen Geräten funktioniert das Rausfaden über Master-Volume nicht optimal, das muss man über den Mixer machen. Aber ein dedizierter Regler ist mir trotzdem wichtig. # **Sequenzlängen und Bedienung** **Daria Goremykina:** Ich suche nach einem Gerät, das mehr als acht Takte hat, ohne dass man zu tief ins Menü muss. Ich möchte nicht alles im Voraus vorbereiten, sondern spontan zum Beispiel auf den neunten Takt zugreifen und dort ein paar Noten editieren. Beim [Ableton Move](https://www.ableton.com/de/move/) funktioniert dieser Ansatz zum Beispiel ganz gut. **Benjamin Weiss:** Also ein Looper? Audio oder MIDI? **Daria Goremykina:** Ein kombinierter Looper wäre toll\! Es wäre schön, wenn man gleichzeitig einen längeren Loop hat, der wiederholt wird, und dazu kürzere Samples, die genau auf der Timeline liegen. Zum Beispiel ein langes Sample, das man direkt vor Ort aufgenommen hat, und man weiß: Nach 32 Takten kommt ein bestimmter Loop dazu. Man entscheidet dann, ob es ein One-Shot oder ein Loop ist. Wenn etwas nicht passt, spiele ich live dazu, bis es wieder zu den Loops passt. **Benjamin Weiss:** Würdest du das eher am Gerät oder am Rechner editieren? **Daria Goremykina:** Ein Editor für den Rechner wäre gut, um die Organisation zu machen – zum Beispiel Preset-Management wie beim [Minitaur](https://www.moogmusic.com/synthesizers/minitaur/). So etwas fehlt mir bei vielen anderen Synths. Es wäre gut, Preset-Gruppen für jedes Live-Set speichern und schnell zwischen verschiedenen Sets wechseln zu können. **Benjamin Weiss:** Könntest du dich daran gewöhnen, dass zwei verschiedene Funktionen ein identisches Interface haben? **Daria Goremykina:** Absolut. Viele Geräte folgen einer klaren Philosophie und sehen sich ähnlich. Wenn Geräte sich ähnlich verhalten und Farben oder LEDs immer das Gleiche bedeuten, kann das die Arbeit sogar beschleunigen. **Benjamin Weiss:** Unsere Idee für das TBD-Toolkit ist, vier Standards zu entwickeln, die super einfach zu bedienen sind. Man macht die Kiste an und kann sofort Musik machen. **Daria Goremykina:** Das finde ich gut. Einfache, intuitive Standards sind wichtig, bevor man sich mit komplexeren Features beschäftigt. *Interview: [Benjamin Weiss (MID)](https://instrument-design.com/)* *Gefördert von [NLnet](https://nlnet.nl/project/TBD-DSP-Toolkit/)*